Frühneuzeitliche Adressbüros - Eine Vorgeschichte der Internet-Suchmaschine Projektbeschreibung von Anton Tantner Version 1.0 April 2005, aktualisierte Fassung November 2006
Immer verworrener, unübersichtlicher und chaotischer werden die Städte in der frühen Neuzeit; es bedarf einer Reihe besonderer Einrichtungen, um sie für ihre BewohnerInnen und für fremde BesucherInnen benützbar zu machen. Die Hausnummern sind ein kleiner Schritt in diese Richtung; sie entreißen das Orientierungswissen der Verfügbarkeit von Grundherren, der städtischen Obrigkeit und anderer intermediärer Gewalten, verallgemeinern den Zugang zu den Häusern und haben damit nicht nur einen disziplinierenden, sondern einen auch demokratisierenden Effekt. Doch dies alleine reicht nicht; die Adressen der Stadt, ihre Ressourcen bleiben Aussenstehenden verborgen, wenn es nicht eine Einrichtung gibt, die damit beschäftigt ist, diese Adressen zu sammeln und aufbereitet Hilfesuchenden zur Verfügung zu stellen. Es braucht eigene Büros, um die Adressen zu verwalten und zu makeln, es braucht Adressbüros. Mit diesen beschäftigt sich mein derzeitiges Forschungsprojekt.
Die Urszene des Adressbüros geht zurück auf Montaigne; in seinen Essais schreibt er 1580 unter der überschrift "Über einen Mangel unserer öffentlichen Verwaltung": "Mein verstorbener Vater, der für einen Mann, dem nur seine Erfahrung und seine naturgegebnen Fähigkeiten zur Verfügung standen, ein sehr gesundes Urteilsvermögen besaß, sagte mir einmal, er hätte gern veranlaßt, daß in den Städten eine bestimmte Stelle eingerichtet würde, an die alle, die irgend etwas brauchten, sich wenden könnten, um ihre Sache durch einen eigens dafür eingesetzten Beamten registrieren zu lassen - zum Beispiel: 'Ich suche Perlen zu verkaufen' oder 'Ich suche Perlen zu kaufen'. Der und der möchte eine Reisebegleitung nach Paris; der und der hält nach einem Diener mit den und den Eigenschaften Ausschau, der und der nach einem Dienstherrn, der und der nach einem Arbeiter; der eine sucht dies, der andere das, jeder nach seinem Bedarf. Offensichtlich würde ein solches Mittel zum Austausch von Informationen die Beziehungen zwischen den Menschen wesentlich erleichtern, denn jeden Augenblick entstehen Situationen, da sich Menschen gegenseitig suchen, aber, weil sie ihre Stimmen nicht hören können, in ihrer mißlichen Lage allein bleiben." (MONTAIGNE, Michel de: Essais. Frankfurt am Main: Eichborn, 1998, S. 119.)
Auf diese Passage werden sich die folgenden Versuche, Adressbüros einzurichten, berufen. Klar zeigt sich daran, dass Adressbüros als Vorläufer der heutigen Suchmaschinen bezeichnet werden können; ähnlich wie letztere dienen die Adressbüros dazu, ein als unübersichtlich wahrgenommenes Netzwerk von Beziehungen und Warenangeboten überschaubar zu machen. Die projektierte Arbeit reiht sich damit in die Folge jener Untersuchungen ein, die die Ursprünge der Wissensgesellschaft in der frühen Neuzeit verorten und im speziellen die frühneuzeitlichen Informationstechnologien als Vorboten der durch den Computer ausgelösten medialen Revolution betrachten. (Vgl. dazu insbesondere die Studie von Markus Krajewski zur Geschichte der Karteikarte.)
Das berühmteste der Adressbüros ist das von Théophraste Renaudot in Paris eingerichtete Bureau d'adresse, das von circa 1630 an existiert und 1643 den Großteil seiner Aktivitäten einstellen muss. Andere vergleichbare Projekte folgen in Großbritannien: Zwar scheitert Samuel Hartlib zunächst mit seinem Vorhaben, in London ein Office of Publick Addresse als umfassende Bildungseinrichtung einzurichten, doch gelingt es seinem Mitarbeiter Henry Robinson, 1650 ein kurzlebiges Office of Adress for Accomodations zu installieren; Hartlib wird dann 1657/58 ein Adressbüro in Dublin einrichten. Längerfristigen Erfolg hat das 1749/1750 u.a. von dem Schriftsteller Henry Fielding gegründete Universal Register Office, das mehr als zehn Jahre lang besteht. Auch in Wien hätte es bereits im 17. Jahrhundert die Chance gegeben, ein Adressbüro nach Pariser Vorbild zu erschaffen, doch der Sprachlehrer Johannes Angelus de Sumarán scheitert 1636 mit seinem Vorhaben einer offentliche[n] fragstuben am Widerstand der theologischen Fakultät der Universität Wien. 50 Jahre nach Sumarán, im Jahr 1686, wird der Kameralist Wilhelm von Schröder in seiner Fürstlichen Schatz- und Rent-Cammer ein Projekt eines so genannten Intelligentz-Wercks entwickeln, in dem er ein nach dem Vorbild der Post organisiertes Netz von intelligentz Orther vorschlägt. Drei Jahre darauf, 1689, wird in Berlin dem hugenottischen Kaufmann Pierre Vouchard ein Privileg erteilt, ein Bureau d'Adresse oder Adress-Hauß zu errichten; 1692 wird Nicola(u)s Gauget als neuer Leiter eingesetzt. Das Adress-Hauß ist in erster Linie ein Versatzamt, soll aber auch Maklerdienste bei Verkauf oder Vermietung von Immobilien leisten sowie die Aufgaben einer Verkaufsagentur für bewegliche Güter übernehmen; 1830 wird diese Einrichtung im königlichen Leihamt aufgehen.
In Wien dauert es bis zum Jahr 1707, bis ein derartiges Büro, Frag- und Kundschaftsamt genannt, gleichzeitig mit dem Versatzamt - dem heutigen Dorotheum - gegründet wird. Es besteht bis ins 19. Jahrhundert und gibt ab 1728 unter dem Titel Post-tägliche Frag- und Anzeigungs-Nachrichten / des Kaiserl. Frag- und Kundschafts-Amt in Wien - auch als Kundschaftsblatt bezeichnet - ein Annoncenblatt heraus. Auch in Prag gibt es ein Fragamt, das von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis ins 19. Jahrhundert hinein eng mit der Prager Zeitung kooperiert. In Brünn wiederum wird 1751 bei der Lehen-Bank ein Fragamt eingerichtet, aus dessen Intelligenz-Zettel heraus sich die Brünner Zeitung entwickelt. 1757 scheitert in Klagenfurt ein Projekt, gleichzeit mit einem Versatzamt ein Fragamt einzurichten. Sehr wohl errichtet wird aber ein Frag- und Kundschaftsamt in Budapest; bislang ist nur bekannt, dass dieses 1790 zwei Publikationen verlegt und im "Schustermajers Hause auf dem Servitenplaz" seinen Sitz hat.
Auch in anderen deutschsprachigen Städten werden Adress- oder Intelligenzbüros gegründet, zuweilen mit expliziten Bezug auf Wilhelm von Schröders Intelligenzwerk-Projekt oder das Fragamt in Wien. Zumeist fungieren diese Büros gleichzeitig als Zeitungsredaktionen und geben so genannte Intelligenzblätter hinaus, die amtliche Verordnungen, Anzeigen, Benachrichtigungen von Diebstählen, Todeslisten und ähnliche Informationen veröffentlichen; als erstes derartiges Intelligenzblatt gelten die ab Jänner 1722 in Frankfurt am Main vom Drucker Anton Heinscheidt herausgegebenen Wochentliche Frag- und Anzeigungs-Nachrichten. In Preußen wiederum wird ab 1727 eine ganze Reihe von Adreßkontoren oder Addreß-Comptoiren gegründet, die Intelligenzblätter wie die Wochentliche Berlinische Frag- und Anzeigungs-Nachrichten veröffentlichen. Auch im deutschsprachigen, zu Dänemark gehörigen Altona etabliert sich 1773 ein Adress-Comptoir, das eine eigene Zeitung verlegt. Alle diese Einrichtungen treten neben die traditionellen Beziehungsnetzwerke und übernehmen manche von deren Funktionen, wie zum Beispiel Arbeitsvermittlung, Informationsaustausch, Kreditvergabe oder Botendienste.
Auswahl aus der Literatur:
BLOME, Astrid: Vom Adressbüro zum Intelligenzblatt - Ein Beitrag zur Genese der Wissensgesellschaft, in: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte, 8.2006, 3-29.
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BÖNING, Holger: Pressewesen und Aufklärung - Intelligenzblätter und Volksaufklärer, in: DOERING-MANTEUFFEL, Sabine/MANCAL, Josef/WÜST, Wolfgang (Hg.): Pressewesen der Aufklärung. Periodische Schriften im alten Reich. Berlin: Akademie-Verlag, 2001, 69-119.
DUCHKOWITSCH, Wolfgang: Absolutismus und Zeitung. Die Strategie der absolutistischen Kommunikationspolitik und ihre Wirkung auf die Wiener Zeitung 1621-1757. Universität Wien: Dissertation (masch.), 1978.
BURKE, Peter: Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft. Berlin: Wagenbach, 2001, S. 81-92.
CZEIKE, Felix: Das Dorotheum. Vom Versatz- und Fragamt zum modernen Auktionshaus. Wien/München: Jugend und Volk, 1982.
FEYEL, Gilles: L'Annonce et la nouvelle. La presse d'information en France sous l'ancien régime (1630-1788). Oxford: Voltaire Foundation, 2000.
GELPKE, Clara: Zur Geschichte des Berliner Intelligenz- und Adreßwesens, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, 1932.49, S. 117-125.
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JUBERT, Gérard (Hg.): Père des journalistes et médecin des pauvres. Théophraste Renaudot (1586 - 1653). Paris: Champion, 2005.
KRAJEWSKI, Markus: ZettelWirtschaft. Die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek. (=Copyrights; 4). Berlin: Kadmos, 2002.
MARWEDEL, Günter: Die königlich privilegirte Altonaer Adreß-Comtoir-Nachrichten und die Juden in Altona. Hamburg: Christians, 1993.
OGBORN, Miles: Spaces of Modernity. London's Geographies 1680-1780. New York/London: Guilford Press, 1998, S. 201-230, 295-302.
OST, Günther: Das preußische Intelligenzwerk, in: Forschungen zur Brandenburgischen und Preussischen Geschichte, 43.1930, S. 44-75.
PISKERNIK, Elke: Das Versatzamt in Klagenfurt (1756-1853). Universität Innsbruck: Dissertation (masch.), 1986, S. 30-33.
[SCHRAUF, Karl (?)]: Zur Geschichte des Wiener Fragamtes, in: Wiener Communal-Kalender und städtisches Jahrbuch, 31.1893, S. 419-426.
SCHRÖDER, Wilhelm von: Fürstliche Schatz- und Rent-Cammer. Leipzig: Jacobus Gerdesius, 1686, S. 495-511.
SOLOMON, Howard M.: Public Welfare, Science and Propaganda in seventeenth Century France: The Innovations of Théophraste Renaudot. Princeton: Princeton UP, 1972.
STAGL, Justin: Eine Geschichte der Neugier. Die Kunst des Reisens 1550-1800. Wien/Köln/Weimar: Böhlau, 2002, S. 175-190.
Zufällige Gedanken eines Ungarn bei gegenwärtigen hohen Landtage, aus Herz und Feder eines Patrioten, an unsere Nachbarn. Pest: Im Frag- und Kundschaftsamte in Schustermajers Hause auf dem Servitenplaz und in allen Buchhandlungen Ungarns, 1790.
Anton Tantner: Vormoderne Suchmaschinen? Europäische Adressbüros in der Frühen Neuzeit
Ort: Friedrich-Meinecke-Institut, Raum A.336, Koserstr. 20, 14195 Berlin
Zeit: Di, 5.2.2008, 18.00
Weitere Präsentationen:
Anton Tantner: Europäische Adressbüros in der Frühen Neuzeit. Ein vom FWF gefördertes Projekt (P19826-G08) zu den "Suchmaschinen" des 17. und 18. Jahrhunderts, in: Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit. 7.Jg, H.2/2007, S. 158-160.
Anton Tantner: Frag- und Kundschaftsämter in der Habsburgermonarchie als Institutionen der Informations- und Wissensvermittlung, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich, 2007-2, S. 7-20.